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Herr Prof. Dr. Ludwig Hagemann, Mannheim


"Seid nicht wie diejenigen, die sich gespalten haben” (Koran 3,105).
Anspruch und Selbstverständnis des Islam
Nach dem Christentum ist der Islam zahlenmäßig die zweitgrößte Weltreligion. Aus der Abgeschiedenheit Altarabiens, dem heutigen Saudi-Arabien, kommend, hat er im Laufe seiner Geschichte eine religiös-politische Macht entwickelt, die ihresgleichen sucht. Zeitweise erlahmt, aber niemals gebrochen, hat er immer wieder in die Geschichte eingegriffen. In der Vergangenheit, mehrfach vor den Toren Europas stehend, wurde er als Bedrohung und Gefahr empfunden.

Und heute? Holt die Vergangenheit uns wieder ein? Macht sich die geschichtsträchtige Angst vor einer islamischen Umklammerung Europas erneut breit, einer Umklammerung auf kaltem Wege, wie zu hören ist, durch die hohe Anzahl der in europäischen Staaten eingewanderten Muslime? Derartige Fragen finden ihren Nährboden in jenem Islambild, das die Religion der Muslime a priori zu einer militant-politischen Ideologie verzerrt und abgestempelt hat.

Damit wird man dem Islam allerdings nicht gerecht.

Um dem auf die Spur zu kommen, was Muslimsein heißt und aus welchen Vorgaben ein Muslim sein Selbstverständnis herleitet und bezieht, ist ein Rückgriff auf die Urkunde des Islam, den Koran, unabdingbar. Als heiliges Buch genießt er uneingeschränkte Autorität, seine religiös-spirituelle Kraft ist unzähligen Menschen Lebens- und Sinndeutung, seine Botschaft begleitet sie ein Leben lang, aus und mit ihm versuchen sie zu leben. Zu Recht hat man deshalb von einer “Koranisierung” des Gedächtnisses gesprochen (P. Nwyia). Durchdrungen von der sakralen, weil göttlichen Qualität des Korans eröffnet sich ihnen im meditativen Bedenken seiner Worte jene Sinntiefe, die durch die Hingabe an Gott - das sagt ja das Wort Islam - Frieden, Salam, verspricht. In diesem Glauben und aus dieser Hoffnung lebt der Muslim.

Hilfen auf diesem Weg sind ihm der vom Gebet durchstrukturierte Tag (fünfmal täglich), das Gemeinschaftsgebet am Freitag und als Höhepunkt die Wallfahrt nach Mekka, Ausdruck der Solidarität und Egalität aller Muslime auf Weltebene. Im Bewußtsein, in der “einzig wahren Religion” (Koran 3,19) zu leben, ist sich der Muslim seiner Erwählung durch Gott sicher. Stets kann er auf Gottes Zuwendung vertrauen, weiß er doch: “Mein Herr ist barmherzig und liebevoll” (Koran 11,90). Deswegen ist das Bekenntnis zu ihm erste Pflicht, sekundiert von der Überzeugung: “Muhammad ist sein Gesandter”. Dessen Leben gilt jedem Muslim als Vorbild, sein Wort als Richtschnur des Handelns.

Von Gott einst in die Existenz gerufen, kehrt der Muslim im Tod zu seinem Ursprung zurück in der bergenden Gewißheit: “Mein Leben und mein Sterben gehören Gott” (Koran 6,162).

Literatur zum Vortrag:

  • Anawati, G.-C./Gardet, L. Mystique muselmane, Paris 21968
  • Andrae, T., Islamische Mystiker (Urban Bücher 46), Stuttgart 21980
  • Antes, P., Ethik und Politik im Islam, Stuttgart 1982
  • ders., Der Islam als politischer Faktor, Hannover 31997
  • Balic, S., Der Islam im Spannungsfeld von Tradition und heutiger Zeit (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 24), Würzburg 1993
  • Bsteh, H. (Hg.), Christentum in der Begegnung. Der Islam als Anfrage an christliche Theologie und Philosophie (Studien zur Religionstheologie, Bd. 1), Möddling, Wien 1994
  • Colpe, C., Problem Islam, Weinheim 21994
  • Ende, W./Steinbach, U. (Hg.), Der Islam in der Gegenwart, München 21989
  • Khoury, A. Th., Gebete des Islam, (Gütersloher Taschenbücher 710), Gütersloh 1995
  • ders., Der Islam: sein Glaube, seine Lebensordnung, sein Anspruch (Herder Spektrum 4167), Freiburg, Basel, Wien 3 1995
  • Maududi, A., Weltanschauung und Leben im Islam, München 1994
  • Mooren, Th., Es gibt keinen Gott außer Gott. Der Islam in der Welt der Religionen (Religionswissenschaftliche Studien, Bd. 37), Würzburg 1996
  • Nagel, T., Geschichte der islamischen Theologie, München 1994
  • Nagel, T., Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam, 2 Bde., Zürich 1981
  • Thyen, J.D., Bibel und Koran (Kölner Veröffentlichungen zur Religionsgeschichte, Bd. 19), Köln, Wien 1989
  • Tibi, B., Fundamentalismus im Islam, Darmstadt 2000
  • ders., Der wahre Imam, Darmstadt 1996
  • Zirker, H., Christentum und Islam. Theologische Verwandtschaft und Konkurrenz, Düsseldorf 1992