Und heute? Holt die Vergangenheit uns wieder ein? Macht sich die geschichtsträchtige Angst vor einer islamischen Umklammerung Europas erneut breit, einer Umklammerung auf kaltem Wege, wie zu hören ist, durch die hohe Anzahl der in europäischen Staaten eingewanderten Muslime? Derartige Fragen finden ihren Nährboden in jenem Islambild, das die Religion der Muslime a priori zu einer militant-politischen Ideologie verzerrt und abgestempelt hat.
Damit wird man dem Islam allerdings nicht gerecht.
Um dem auf die Spur zu kommen, was Muslimsein heißt und aus welchen Vorgaben ein Muslim sein Selbstverständnis herleitet und bezieht, ist ein Rückgriff auf die Urkunde des Islam, den Koran, unabdingbar. Als heiliges Buch genießt er uneingeschränkte Autorität, seine religiös-spirituelle Kraft ist unzähligen Menschen Lebens- und Sinndeutung, seine Botschaft begleitet sie ein Leben lang, aus und mit ihm versuchen sie zu leben. Zu Recht hat man deshalb von einer “Koranisierung” des Gedächtnisses gesprochen (P. Nwyia). Durchdrungen von der sakralen, weil göttlichen Qualität des Korans eröffnet sich ihnen im meditativen Bedenken seiner Worte jene Sinntiefe, die durch die Hingabe an Gott - das sagt ja das Wort Islam - Frieden, Salam, verspricht. In diesem Glauben und aus dieser Hoffnung lebt der Muslim.
Hilfen auf diesem Weg sind ihm der vom Gebet durchstrukturierte Tag (fünfmal täglich), das Gemeinschaftsgebet am Freitag und als Höhepunkt die Wallfahrt nach Mekka, Ausdruck der Solidarität und Egalität aller Muslime auf Weltebene. Im Bewußtsein, in der “einzig wahren Religion” (Koran 3,19) zu leben, ist sich der Muslim seiner Erwählung durch Gott sicher. Stets kann er auf Gottes Zuwendung vertrauen, weiß er doch: “Mein Herr ist barmherzig und liebevoll” (Koran 11,90). Deswegen ist das Bekenntnis zu ihm erste Pflicht, sekundiert von der Überzeugung: “Muhammad ist sein Gesandter”. Dessen Leben gilt jedem Muslim als Vorbild, sein Wort als Richtschnur des Handelns.
Von Gott einst in die Existenz gerufen, kehrt der Muslim im Tod zu seinem Ursprung zurück in der bergenden Gewißheit: “Mein Leben und mein Sterben gehören Gott” (Koran 6,162).