Suche

Das Thema


Apokalyptik – Zeitgefühl mit Perspektive?

Ein flammendes Inferno zuerst, dann berstende Betonmauern und zusammenstürzende Neubauten, schließlich klaffende Bombenkrater und meterhohe Schuttberge hinter schier undurchdringlichen Staubwolken. – KAMERASCHWENK DANN: Verzweifelte Menschen mit entsetzt aufgerissenen Augen, rudernden Armen, schreienden Mündern. – UND ENDLICH SCHNITT: Blicklose Angehörige, stumme Anklage, Hoffnungslosigkeit. – Dieses Szenario erkennt jeder: Es ist die Choreographie des Terrors!

Anfangs verbreitet in Katastrophenfilmen und Gewaltvideos, nahm sie spätestens am 11. September 2001 grausige Gestalt an. Und seit den mörderischen Angriffen auf das New Yorker World Trade Center dreht sich die Spirale der Gewalt offenkundig immer schneller: Schlag folgt auf Gegenschlag, nacheinander Krieg auf Krieg – in Afghanistan, im Irak, in Palästina. Da scheint selbst die Natur nicht zurückstehen zu wollen: Unheimliche Seebeben lösen verheerende Flutkatastrophen aus und unkalkulierbare Klimaverschiebungen Dürreperioden oder Überschwemmungstragödien. Schicksalsschläge allenthalben: Angst macht sich darüber unterschwellig breit und infiziert die einst so selbstgewissen Zivilisationen der westlichen Hemisphäre. Infolge dessen ändert sich das Zeitgefühl: Ein apokalyptisches nennen es die Menschen ohne weiteres. Und geben unumwunden zu, dass ihre resignierende Weltuntergangsstimmung von heute den altklugen Fortschrittsglauben von gestern endgültig abgelöst hat. Was soll man vom nächsten Tag auch Neues erwarten, wenn nicht die nächste Unglücksbotschaft? Dann scheint das Ende wieder ein Stück näher gerückt und sarkastisch diagnostiziert alle (Medien-) Welt: »APOCALYPSE NOW ...!« Von einem Vietnam-Kriegsfilm dieses Titels hat schließlich jeder gehört.

Mit dem biblisch-christlichem Verständnis des Phänomens der ›Apokalyptik‹ hat diese Sorte Weltuntergangs-Stimmung freilich wenig bis gar nichts zu tun. Eine ›kupierte Apokalyptik‹ nennt sie der Kulturwissenschaftler Klaus Vondung deshalb völlig zu Recht (K. Vondung: Die Apokalypse in Deutschland, 1988, S. 12). Biblisch-christliche Apokalyptik verkündigt nämlich durchaus kein Angstgebilde, sondern ein Hoffnungsgemälde: Bedrängende Vergangenheit und quälende Gegenwart sucht sie um die ankommende Zukunft (des dreieinen) Gottes zu bereichern! Demgegenüber bietet moderne Apokalyptik lediglich das einfache Säkularisat, den bloßen Abklatsch des einstigen Begriffshorizontes feil: Ein resignativ beschworenes, weil angeblich nahendes (Welt-?) Ende hat sie zwar akzeptieren gelernt; jede Hoffnung auf wie auch immer geartete Neuanfänge aber, nicht selten beinahe erleichtert, verabschiedet.

Die Tagungsbeiträge politologischen, soziologischen und mentalitätsgeschichtlichen Zuschnitts möchten deshalb zunächst Einblicke eröffnen in jenen Bereich einer »kupierten Apokalyptik« (Klaus Vondung), wie sie auch das Zeitgefühl mancher DDR-Bürger angesichts des Endes der DDR ausgemacht haben (Bärbel Bohley). Des weiteren sind neoapokalyptische Tendenzen aus sozialwissenschaftlicher Sicht (Ingolf Ahlers) ebenso auszumachen wie Einflüsse apokalyptischer Vorstellungen auf islamische Politiker den dortigen politischen Alltag mit bestimmen (Wolfgang Günter Lerch). Sollten wir uns angesichts dieser bedrückenden Kulisse die theologische Forderung nach einer ›Entmythologisierung‹ der Apokalyptik (Rudolf Bultmann u. a.) zu eigen machen? Stellt sie eine hilfreiche Zukunftslösung dar?

Ehe eine derart weit reichende Frage beantwortet werden kann, gilt es die ethischen Implikationen einer apokalyptischen Weltdeutung in den Blick zu nehmen (Klaus Arntz) und insbesondere die spezifischen Horizonte der jüdischen, christlichen und muslimischen Apokalyptik in ihrer politischen Relevanz zu beleuchten (Johannes Frühbauer). Dabei ist apokalyptisches Denken immer auch geschichtstheologisches Denken, mithin das Hegelsche Diktum von der ›Weltgeschichte als Weltgericht‹ durch apokalyptisches Denken gerade in Abrede gestellt: »Die Apokalyptik anerkennt die Geschichte nicht als Weltgericht, begehrt dagegen auf, daß das Blut der Opfer im Sinn des Werdens trocknet (A. Finkielkraut)« (Jürgen Manemann, Apokalyptik versus Katechontik, S. 14).

Wie wäre dann apokalyptisches Denken vor genuin christlichem Hintergrund zu verstehen? Die Anfänge finden sich im alttestamentlichen Ezechielbuch und seinen Ausführungen zu Gottes Kampf gegen Gog aus Magog, auf welche in einer Relecture aus christlicher Perspektive das letzte Buch der Heiligen Schrift, die Offenbarung des Johannes, ausführlich und wiederholt Bezug nimmt (Franz Sedlmeier). Doch auch außerkanonische Schriften wie die gnostische Petrusapokalypse des 2. Jahrhunderts bezeugen die Bedeutung apokalyptischen Denkens in frühchristlicher Zeit und dürfen als themenorientierte Auseinandersetzung mit einschlägigen Traditionen verstanden werden (Jürgen Werlitz). Und dies bedeutet das Proprium christlicher Apokalyptik: Sie öffnet sich als ganzheitliches Phänomen Gottes (neu-) schöpferischen (Heils-) Möglichkeiten. Das junge Christentum fand sie in der ›Apokalypsis Jesu Christi‹ (Gal 1,12) erfüllt: Auf den Tag der Schöpfung zurück und auf den Tag der Vollendung voraus fällt frühchristlicher Apokalyptik zufolge von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi her das Licht einer erlösenden (Selbst-) Erschließung (des dreieinen) Gottes. Diese Hoffnung ist als Geschichtstheologie eminent soteriologisch: Vom An-Bruch der Geschichts-Zeit aus der   Ewigkeit her (vorgesehen seit Jesu Christi Mittlerschaft in Schöpfungs- und Erhaltungswerk), über den Auf-Bruch der Geschichts-Zeit in die Ewigkeit (verbürgt seit Jesu Christi Erlösungshandeln in Tod und Auferstehung) bis zum Ein-Bruch der Ewigkeit in die Geschichts-Zeit (verwirklicht bei Jesu Christi Wiederkunft in Gericht und Vollendung) hin. Von der Ewigkeit her und auf die Ewigkeit hin, also zwischen Schöpfung, Erlösung und Vollendung vollzieht sich demnach – nicht das eigenständige Innewerden, sondern die geschenkhafte Hineinnahme der Schöpfung in das Geheimnis des dreieinigen Gottes, – nicht aus menschlicher Verfügungs-, sondern aus göttlicher Enthüllungsmacht (Gerda Riedl). Ein derart heilsgeschichtliches Verständnis der Apokalyptik fand seinen (nicht unproblematischen) Niederschlag vor allem in den geschichtstheologischen Spekulationen des süditalienischen Abtes Joachim von Fiore (gest. 1202): Historie gliederte sich für ihn in aufeinander folgende Epochen eines Zeitalters des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes (Petar Vrankic).

Mit dem letzten Vortrag über die jüngste Publikation von Richard Rorty und Gianni Vattimo Zukunft der Religion aus dem Jahr 2006 (Manfred Negele) wird der Bogen nochmals zurückgeschlagen zur politischen Relevanz eines im religiösen Sinne apokalyptischen Geschichtsverständnisses: Liegt unsere Zukunft im Sinne eines pragmatischen Relativismus wirklich im Verzicht auf die Wahrheitsfrage oder führt eine resignative Philosophie hier nicht eher umgekehrt gerade zum Verlust der Zukunft? »Unserer Auffassung nach ist nichts gegen die Religion einzuwenden, solange sie privatisiert ist – solange kirchliche Institutionen nicht versuchen, die Gläubigen für politische Forderungen zu mobilisieren (...).« (Richard Rorty, Gianni Vattimo) Ist Religion also wirklich nur ein historisches Phänomen, und Glaube wirklich nur Privatsache, – mehr noch als die Frage korrekter Interpunktion (Christoph M. Wieland)? Ein gewisser Jesus aus dem galiläischen Flecken Nazaret war da jedenfalls ganz anderer Ansicht: »Er sagte zu ihnen: Zündet man etwa ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber oder stellt es unter das Bett? Stellt man es nicht auf den Leuchter? Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommt.« (Mk 4,21 f.) Sonst wäre doch womöglich wirklich alles umsonst gewesen ... Dass das Wenigste umsonst ist, zeigt schließlich auch der Filmklassiker Das siebente Siegel (1957) von Ingmar Bergman mit seinen Bezügen zur biblischen Offenbarung des Johannes.

 

Gerda Riedl