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Das Neue Testament in seiner politischen Welt


Dieses Forschungsgebiet untersucht den Einfluss von Elementen der politischen Rhetorik und Inszenierung des Imperium Romanum sowie der Phänomene des Kaiserkults auf die Sprach- und Denkgestalt neutestamentlicher Texte. Als fruchtbar erweist sich dabei die Aufnahme soziologischer Ansätze zur Sprache politischer Verschleierung (z.B. bei James C. Scott), auch wenn die Tragweite dieser Ansätze in der exegetischen Diskussion stark umstritten ist. Probebohrungen lassen sich an einschlägigen Texten der Jesus-Überlieferung (z.B. Mk 12,13-17) ebenso durchführen wie bei politischen Schlagworten oder Aussagen in den Briefen des Paulus (z.B. Röm 13,1-7; 1 Thess 5,3). Die lukanische Geburtsgeschichte – so eine These – greift in narrativer Weise Elemente der kaiserzeitlichen Konzeption des „Goldenen Zeitalters“ auf, um diese Konzeption von der Gestalt des jüdischen Christus aus charakteristisch zu konterkarieren.

Gerade auch in der Offenbarung des Johannes spiegelt die Bildsprache einen grundlegenden Bezug zu den politischen und kulturellen Gegebenheiten der kleinasiatischen Lebenswelt der angeschriebenen Christus-Gemeinden. Die in den Bildern erkennbaren Chiffrierungen gilt es aufzuspüren und innerhalb der historischen, sozio-politischen Verhältnisse zu situieren. Dann wird eine kulturkritische, aus einer jüdisch-apokalyptischen Perspektive entworfene Zeichnung der römischen Lebenswelt sichtbar, die zur Grenzziehung gegenüber der römischen Kultur und Gesellschaft und damit zur Stabilisierung der eigenen christlichen Gruppenidentität auffordert. Diese Form der Abgrenzung stellt heutige Ausleger vor die hermeneutische Herausforderung, die scharfe Kritik der Offenbarung mit den heutigen politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen ins Gespräch zu bringen.

Weihnachtspolitik - Vandenhoeck & Ruprecht