Die bekannteste ideale Dialogsituation ist die sog. Ringparabel aus G. E. Lessings “Nathan der Weise” (1779). Drei Brüder wetteifern um das Erbe des Vaters, das demjenigen zufallen soll, der seinen Ring besitzt. Allerdings hat der Vater drei gleich aussehende Ringe vererbt, wovon zwei Kopien sind und einer der echte. Sie wenden sich an einen Richter, der das Urteil aber vertagt.
Ähnlich – aber theologisch sehr viel ausführlicher – ist Nikolaus von Kues Dialog “Vom Frieden im Glauben” (1453) gebaut. Vertreter aus 17 Kulturen unterhalten sich über die Frage, ob sich wenigstens in Glaubensdingen Einmütigkeit (concordantia) erzielen lasse, wenn schon die Riten nicht vereinbar seien. Das Gespräch findet im Himmel unter dem Vorsitz Christi statt. Die Versammlung beschließt, die Nationen sollen zunächst ihre Riten an die einzige wahre Gottesverehrung angleichen. Bei einem zukünftigen Konzil soll dann ein einziger Glauben von allen angenommen werden.
Das Vorbild für Nikolaus’ Text war Ramon Lulls “Buch vom Heiden und den drei Weisen” (um 1276). Es handelt von einem Heiden, der über die Vergänglichkeit der Welt verzweifelt. Er irrt durch die Welt und trifft schließlich auf drei im Gespräch befindliche Weisen: einen Christ, einen Juden und einen Muslimen. Die Szene findet in einem wunderbaren Wald statt, auf dessen Blätter die Eigenschaften Gottes und der Menschen geschrieben sind. Nacheinander versuchen sie den Heiden von ihrem Glauben zu überzeugen. Dieser wird zu einem “glühenden Gottesverehrer”, sagt aber nicht, durch wen.
Alle drei Idealgespräche enden offen. Sie bearbeiten eine komplizierte Ausgangssituation: Jede Religion beansprucht, der Wahrheit am nächsten zu sein; und jede Religion nimmt diesen Anspruch bei den anderen wahr. Es geht also darum, den Dialog am Laufen zu halten, obwohl er aussichtslos erscheint. Wie muß ein Gespräch organisiert sein, damit ein aussichtsloser Dialog zustande kommt?