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Herr Dr. Johann Ev. Hafner, Augsburg


Wer moderiert ein Religionsgespräch?
Zur Konstruktion idealer Dialoge bei R. Lull und Nikolaus v. Kues
Gerade in kriegerischen Zeiten, in denen sich die Mitglieder von Judentum, Christentum und Islam nicht als Personen begegnen konnten, haben Theologen versucht, ideale Gespräche zu entwerfen. Darin treffen wohlwollende Vertreter der Weltreligionen aufeinander und diskutieren gewaltlos über die wahre Religion.

Die bekannteste ideale Dialogsituation ist die sog. Ringparabel aus G. E. Lessings “Nathan der Weise” (1779). Drei Brüder wetteifern um das Erbe des Vaters, das demjenigen zufallen soll, der seinen Ring besitzt. Allerdings hat der Vater drei gleich aussehende Ringe vererbt, wovon zwei Kopien sind und einer der echte. Sie wenden sich an einen Richter, der das Urteil aber vertagt.

Ähnlich – aber theologisch sehr viel ausführlicher – ist Nikolaus von Kues Dialog “Vom Frieden im Glauben” (1453) gebaut. Vertreter aus 17 Kulturen unterhalten sich über die Frage, ob sich wenigstens in Glaubensdingen Einmütigkeit (concordantia) erzielen lasse, wenn schon die Riten nicht vereinbar seien. Das Gespräch findet im Himmel unter dem Vorsitz Christi statt. Die Versammlung beschließt, die Nationen sollen zunächst ihre Riten an die einzige wahre Gottesverehrung angleichen. Bei einem zukünftigen Konzil soll dann ein einziger Glauben von allen angenommen werden.

Das Vorbild für Nikolaus’ Text war Ramon Lulls “Buch vom Heiden und den drei Weisen” (um 1276). Es handelt von einem Heiden, der über die Vergänglichkeit der Welt verzweifelt. Er irrt durch die Welt und trifft schließlich auf drei im Gespräch befindliche Weisen: einen Christ, einen Juden und einen Muslimen. Die Szene findet in einem wunderbaren Wald statt, auf dessen Blätter die Eigenschaften Gottes und der Menschen geschrieben sind. Nacheinander versuchen sie den Heiden von ihrem Glauben zu überzeugen. Dieser wird zu einem “glühenden Gottesverehrer”, sagt aber nicht, durch wen.

Alle drei Idealgespräche enden offen. Sie bearbeiten eine komplizierte Ausgangssituation: Jede Religion beansprucht, der Wahrheit am nächsten zu sein; und jede Religion nimmt diesen Anspruch bei den anderen wahr. Es geht also darum, den Dialog am Laufen zu halten, obwohl er aussichtslos erscheint. Wie muß ein Gespräch organisiert sein, damit ein aussichtsloser Dialog zustande kommt?

  • Anberaumung und Moderation: Wer beruft den Dialog ein und wer entscheidet bei Dissens: Gott, Christus, die Vernunft?
  • Tagesordnung: Worüber sollen Religionen sprechen: Über die Riten, die Welt, den Himmel?
  • Ergebnissicherung: Was soll das Ziel des Dialoges sein: Waffenstillstand? Toleranz? Bekehrung?

Literatur zum Vortrag:

  • Lessing, G. E., Nathan der Weise, Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen, Stuttgart (1. Auflage 1779) 1990
  • Nikolaus von Cues, Über den Frieden im Glauben - De pace fidei, übersetzt und eingeleitet von L. Mohler, Leipzig 1943; lat.-dt.
    in: Philosophisch-theologische Schriften, hg. v. L. Gabriel, 3 Bd., Wien 1964-67
  • Lull, R., Buch vom Heiden und den drei Weisen. Mit Beiträgen von R. Panikkar u.a., Freiburg/Basel/Wien 1986
  • Euler, W. A., Unitas et Pax. Religionsvergleich bei Raimundus Lullus und Nikolaus von Kues, Würzburg 1989
  • Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft 9 (1974) und 16 (1982)
  • Southern, R. W., Das Islambild des Mittelalters, Stuttgart 1981