Was trägt dieser literaturgeschichtliche Befund für das heutige Zusammenleben von Christen und Muslimen aus? Kann er mehr sein als nur von literatur- bzw. christentumsgeschichtlichem Interesse? Welches wissenschaftliche Design wäre zu wählen, um Wolframs “Willehalm” auch sozialethisch anfragen zu können?
Wann immer man sich in normativer Absicht mit moralischen Traditionen der Vergangenheit beschäftigt, gerät man in den Verdacht, eine hermeneutische Ethik zu betreiben, die mit ihrem Verzicht auf ethische Letztbegründung erhebliche theoretische Risiken eingeht. Hier wird etwas anderes versucht. Der englische Historiker Lord John Dalberg-Acton (1834-1902), der von sich sagte, er wolle nie etwas anderes sein als Katholik und zugleich Liberaler, legte eine geschichtsethische Theorie vor, die zu historischen Urteilen mit Hilfe des Kategorischen Imperativs befähigt. Ziel seiner Geschichtsethik ist es nicht nur, den Opfern von Intoleranz, Expansionismus und anderem Unrecht im historischen Urteil die Gerechtigkeit zu gewähren, zu der eine positivistische Geschichtsschreibung nicht fähig ist, da sie insgeheim unterstellt, daß die Opfer ihren Widersachern zu Recht unterliegen, bzw. “daß die Welt richtig funktioniert, daß das, was dauernd im Licht und Wettstreit der Kultur lebt, mit Recht lebt, und was immer untergeht, sein Schicksal verdient”.
Positives Ziel Actonscher Geschichtsethik ist es darüber hinaus, die historisch-kontingenten Entstehungsbedingungen moralischer Urteile aufzuklären. Bezogen auf Wolframs “Willehalm” müssen wir also mit dem Mediävisten Karl Bertau fragen: “Wie kommen die ... erstaunlich humanen Vorstellungen in den Kopf des fränkischen Dichters Wolfram von Eschenbach?” Und welche Schlüsse können wir jenseits dieses glanzvollen Einzelfalls daraus ziehen für die sozialen, mentalitäts- und religionsgeschichtlichen Bedingungen, unter denen eine über die Jahrhunderte als solche erkennbare Moralität entsteht?