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„Der Mensch – geschaffen als Gottes Bild und Gleichnis“

Franz Sedlmeier

erschienen 2003 Aus: Berufung ins Menschsein. Thematische Predigtreihe zum Jahr der Berufung, S. 2-9


1. „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.“

Wer ist dieser „Mensch“? Was hat er zu tun, was besser nicht? Wo liegen seine Möglichkeiten, wo seine Grenzen? Wo die Gefährdungen, die von ihm ausgehen? Was bedeutet es überhaupt, Mensch zu sein? Ist er eine Laune des Schicksals? Oder ist seinem Leben ein Sinn eingeschrieben? Welcher? Das sind Fragen, die viele Menschen heute umtreiben – und nicht nur heute. Das Jahr der Berufung, das in unserer Diözese Augsburg soeben begonnen hat, ist ein passender Anlass, sich mit den soeben gestellten Fragen auseinanderzusetzen.

Schon auf ihren ersten Seiten wirft die Bibel die Frage nach dem Menschen auf, nach seinem Bezug zu Gott und nach seiner Stellung in der Welt. Vor etwa 2500 Jahren dürfte der erste große Text der Bibel entstanden sein, die Schöpfungsgeschichte. Israel hatte gerade eine schlimme Zeit hinter sich. Die Heere der Babylonier hatten das Land erobert. Vieles war zerstört worden. Das Land lag verwüstet da. Der Tempel war niedergebrannt. Teile der Bevölkerung lebten fern der Heimat, verschleppt nach Babylon in die Verbannung. Wieder einmal hatte man erleben müssen, wie Menschen mit ihresgleichen umgehen können: rücksichtslos und grausam. „Der Mensch – des Menschen Wolf!“ Das Leben war völlig durcheinander geraten. Die Ordnungen, die einmal Halt und Orientierung gegeben hatten, trugen nicht mehr. Es war, als wäre das Chaos über Israel hereingebrochen. Unsicherheit bestimmte das Leben. Resignation hatte sich breit gemacht. An eine gute Zukunft war nicht zu denken ...

In dieser so bedrückenden Zeit entwirft ein vom Geist Gottes bewegter Theologe eine Vision der Hoffnung. Er stellt sich damit gegen die Stimmungslage und den Trend seiner Umgebung. In den Zusammenbrüchen seiner Epoche ist ihm eines ganz neu aufgegangen: die Lebensmacht des göttlichen Wortes. Gott spricht und wirkt durch sein Wort. Gottes Wort ist der Anfang neuen Lebens. Sein Wort ist es auch, das den Menschen ins Dasein ruft und ihm seine Stellung in der Schöpfung zuweist.

2. „Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“

Die Erschaffung des Menschen, von Mann und Frau, stellt einen Höhepunkt in der Schöpfungserzählung dar. Gott geht eigens mit sich selbst zu Rate: „Lasst uns Menschen machen“. Es ist eine bewusste und überlegte Entscheidung für den Menschen. Gott will den Menschen! Wie auch immer der Mensch entwicklungsgeschichtlich entstanden sein mag, von ihm gilt: Du bist von Gott gewollt. Über deinem Leben steht ein großes Ja-Wort. Es ist das Ja-Wort Gottes.

Zugleich ist dieser von Gott bejahte Mensch ganz Teil der Schöpfung. Von Gott gewollt lebt der Mensch in einer Schicksalsgemeinschaft mit der gesamten Schöpfung. Zusammen mit ihr ist er auf Gott verwiesen und von ihm abhängig.

[Psalm 104 fasst diese Abhängigkeit aller Lebewesen von Gott – den Menschen mit eingeschlossen – in folgende Verse:

„Sie alle warten auf dich, / dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit.

Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein; / öffnest du deine Hand, werden sie satt an Gutem.

Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört; / nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin / und kehren zurück zum Staub der Erde.

Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, / und du erneuerst das Antlitz der Erde.“]

Wer auch immer der Mensch ist und was er tut, er ist und tut es als Geschöpf. Die Hinordnung auf Gott, seinen Schöpfer, ist grundlegend für ihn. Sie gehört zu seinem Wesen.

3. „Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich.“

Die Erschaffung des Menschen, von Mann und Frau, stellt einen Höhepunkt in der Schöpfungserzählung dar. Gott geht eigens mit sich selbst zu Rate: „Lasst uns Menschen machen“. Es ist eine bewusste und überlegte Entscheidung für den Menschen. Gott will den Menschen! Wie auch immer der Mensch entwicklungsgeschichtlich entstanden sein mag, von ihm gilt: Du bist von Gott gewollt. Über deinem Leben steht ein großes Ja-Wort. Es ist das Ja-Wort Gottes.

Zugleich ist dieser von Gott bejahte Mensch ganz Teil der Schöpfung. Von Gott gewollt lebt der Mensch in einer Schicksalsgemeinschaft mit der gesamten Schöpfung. Zusammen mit ihr ist er auf Gott verwiesen und von ihm abhängig.

 [Die vielen schönen Gebete, die sich auch in anderen Religionen finden, zeigen, wie sehr Menschen diese Nähe Gottes und das Gespräch mit ihm suchen. Sie drücken darin ihre Sehnsucht nach Gott und die Erfahrung der Geborgenheit bei ihm aus. Gott selbst ist es, der den Menschen als sein Abbild auf sich hin geschaffen und ihm die Gottsuche ins Herz gelegt hat.]

4. „Lasst uns Menschen machen, als unser Abbild, uns ähnlich.“

Im alten Orient, der Welt, aus der die Bibel kommt, verstanden sich die Herrscher häufig als Abbild ihrer Gottheit. So etwa die Großkönige von Assyrien und Babylon oder die Pharaonen von Ägypten. Sie verbanden damit die Vorstellung, dass etwas vom göttlichen Glanz, von der göttlichen Herrlichkeit auf ihnen ruhte. Was in der Umwelt Israels nur die ganz Großen und Mächtigen von sich sagen, das gilt nach dem biblischen Zeugnis für alle Menschen. Ein jeder Mensch, ob stark oder schwach, gesund oder krank, ob Mann oder Frau, klein oder groß: ein jeder Mensch trägt in sich eine königliche Würde. Der Glanz des göttlichen Lichtes ruht auf ihm. Ein jeder Mensch ist gerufen und berufen, Lichtträger zu sein und Licht zu verbreiten. Licht verbreiten: Leben, Wärme, Gutes, Schönes ...

Auf einen weiteren Brauch aus der Welt der Bibel sei hingewiesen. Könige, die ein großes Reich beherrschten, ließen nicht selten in den verschiedenen Provinzen ihres Reiches Bilder von sich aufstellen. Dadurch brachten sie zum Ausdruck: In diesem Bild – einer Statue, einem Relief o.ä. – bin ich selbst anwesend. Das Bild repräsentierte den Herrscher, es vergegenwärtigte ihn. Übertragen auf die Aussage, der Mensch sei Abbild Gottes: Im Menschen will Gott auf besondere Weise in seiner Schöpfung gegenwärtig und wirksam werden. Gott will durch ihn anwesend sein. Der Mensch – Gottes „Anwesen“ in der Schöpfung, der Ort, wo Gott und Schöpfung einander in besonderer Weise gegenwärtig werden können.

5. Diese Berufung, Abbild Gottes zu sein, schließt freilich eine besondere Verantwortung mit ein. Deshalb erhält der Mensch auch den Auftrag zu „herrschen“, ein missverständlicher und häufig auch ein missverstandener und missbrauchter Auftrag. „Herrschen“ bedeutet nicht Willkür und Unterdrückung, nicht Machtausübung um jeden Preis oder rücksichtslose Ausbeutung vorhandener Ressourcen, sei in der Natur, sei es beim Menschen. Das Gegenteil ist der Fall! „Herrschen“ ist im alten Orient ein sehr positiv besetzter Ausdruck. Der Herrscher ist zugleich der Hirte. Ihm ist es aufgegeben, den Frieden zu schützen, den Lebensraum zu bewahren und zu gestalten, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen, damit ein gelingendes Zusammenleben möglich wird. Nach der biblischen Schöpfungserzählung kann der Mensch diese ihm übertrage Aufgabe nicht selbstmächtig oder willkürlich wahrnehmen. Sie ist ihm von Gott selbst anvertraut. Sie ist deshalb auch in Verantwortung vor Gott und in seinem Sinne auszuüben. Der Mensch handelt als Abbild Gottes, wenn er sich an der göttlichen Weisung, am göttlichen Willen orientiert. Das machtvoll wirkende Wort Gottes, das ihn selbst ins Dasein gerufen hat, soll auch in seinem Leben Raum gewinnen, ihn erneuern und ihm den Weg weisen. „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (Ps 119,105), singt der Psalmist, beglückt über das Geschenk des göttlichen Wortes.

Der Mensch ist als Abbild Gottes geschaffen. Je mehr das göttliche Wort in ihm zur Wirkung kommt, um so mehr verwirklicht er, was in ihm grundgelegt ist: Gottes Bild und Gleichnis.

6. Aber – gehen wir noch einen Schritt weiter. In der Fülle der Zeit sandte Gott seinen Sohn. Er kam zu uns Menschen, um zu suchen und zu retten, was verloren war. Er kam, um zu heilen. Er hatte keine Berührungsängste und nahm Anteil am Leben der Menschen seiner Zeit. Mit Vollmacht verkündete er Gottes Ankommen. Er sprach die Menschen frei von ihrer Sünde, schenkte ihnen einen neuen Anfang und erschloss ihnen einen neuen Horizont für ihr Leben: den Weg zum Vater, das Leben mit dem Vater. Durch Jesus und in Gemeinschaft mit ihm dürfen wir Christen auf neue Weise entdecken, was es bedeutet, Abbild Gottes zu sein. Es bedeutet, Jesus Christus nachzufolgen, so zu leben, wie er gelebt hat. Denn Jesus Christus ist – so ein bekannter Hymnus aus dem Kolosserbrief – „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. In ihm wohnt Gott mit seiner ganzen Fülle, „um durch ihn alles mit sich zu versöhnen“ (Kol 1,15.20).

Als Christen werden wir auf Jesus Christus verwiesen. Wir sind gerufen, so der Apostel Paulus, „an Wesen und Gestalt seines [=Gottes] Sohnes teilzuhaben“ (Röm 8,29). Abbild Gottes sein bedeutet für uns Christen: Christus ähnlich werden. Doch dies geschieht nicht gegen unseren Willen. Dazu ist eine bewusste Entscheidung nötig, die Entscheidung, das empfangene Geschenk eines neuen Lebens auch wirklich anzunehmen. Ausgedrückt mit den Worten der Schrift: „Erneuert euren Geist und Sinn! Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ (Eph 4,23-24).

Je mehr wir als Christen auf den Spuren Jesu gehen, je mehr seine Worte unser Leben prägen, um so mehr gewinnt Christus in uns Gestalt. Jesus selbst bündelt seine Weisung in prägnanten Worten wie in der Bergpredigt, im Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe oder im Neuen Gebot, das er auch das Seine nennt: „Dies ist mein Gebot, liebt einander, wie ich euch geliebt habe.“ (vgl. Joh 13,34; 15,12). Solche Worte, übersetzt in unser Leben, prägen in uns aus, was wir sind: Bild und Gleichnis Gottes. Sie verleihen uns Profil. Sie erschließen zugleich neue Horizonte. Neu gestaltet durch Jesus Christus gehen wir mit ihm den Weg zum Vater. Und – wir arbeiten mit in unserer Welt und in unserer Zeit,

-         dass Gerechtigkeit und Frieden sich mehren,

-         dass Leben und Lebensräume bewahrt werden,

-         dass die Würde des Menschen und der Wert seines Lebens unangetastet bleiben.

Dies sind wir Menschen uns, unserer Welt und unserer Zeit schuldig – als „Gottes Bild und Gleichnis“.


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