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Bericht zum Gastvortrag von Prof. P. Dr. Georg Sans SJ


Hegel über die wahre Religion

Zum Gastvortrag im Sommersemester 2017 begrüßte Prof. Dr. Wolfgang Vogl, der Inhaber der Augsburger Stiftungsprofessur Theologie des geistlichen Lebens, am Abend des 11. Mai den Münchner Philosophieprofessor P. Dr. Georg Sans SJ. Der Inhaber des Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhls für Religions- und Subjektphilosophie an der Münchner Hochschule für Philosophie der Jesuiten hat seinen Forschungsschwerpunkt im Bereich der Philosophie des deutschen Idealismus. Dementsprechend wählte er sich die Religionsphilosophie Hegels zum Vortragsthema.

Seine Ausführungen begann der Münchner Professor mit einem kurzen geschichtlichen Blick auf den Traktat der Religionsphilosophie. P. Sans setzte mit dem 1785 edierten siebenbändigen Werk „Die Philosophie der Religion“ des Jesuiten Sigismund von Storchenau (1731–1798) den Beginn der philosophischen Disziplin fest. Die Ausführungen Storchenaus würden noch die klassischen philosophietheologischen Themen über die Existenz Gottes miteinschließen, sich aber auch schon um die der Religionsphilosophie eigenen Fragestellungen nach dem Phänomen „Religion“ widmen. Für den englischsprachigen Raum sei David Hume (1711-1776) einer der ersten Vertreter der Religionsphilosophie gewesen. Mit seinem bereits 1757 erschienen Werk „The Natural History of Religion“ sei er über die klassische philosophische Gotteslehre hinausgegangen und habe sich der Frage nach der Existenz von Religion gewidmet, insbesondere der Frage nach dem Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus.

Die Notwendigkeit, sich den Fragen der Religionsphilosophie heute noch zu stellen, besteht für P. Sans darin, auf die innerhalb der Religionen bestehenden verschiedenen Gottesvorstellungen und Gottesbilder zu reflektieren. Für diese Aufgabe nahm der Münchner Jesuit den deutschen Idealisten Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) heran, der sich in seinen Berliner religionsphilosophischen Vorlesungen von 1821, 1824 und 1827 ausführlich dazu geäußert habe. Als Grundlage seiner Ausführungen wählte Prof. Sans allerdings die einschlägigen Abschnitte im hegelschen Werk der „Phänomenologie des Geistes“ von 1807.

P. Sans machte drei Erscheinungsformen der Religion in Hegels Religionsphilosophie aus: Natürliche Religion, Kunst-Religion und Offenbare Religion. Diese drei Typen entwickeln sich nach Hegel aus konkreten Religionspraktiken in verschiedenen Kulturkreisen. Prof. Sans nahm sich aus den Ausführungen Hegels exemplarisch einzelne Religionen heraus, um anhand ihrer konkreten Form die drei Klassen vorzustellen. Da eine Interpretation des Zusammenhangs der drei Erscheinungsformen im Sinne einer Fortschrittsrichtung – die alten Natur- und Kunstreligionen sind „falsch“ und die spätere Offenbarungsreligion ist allein „wahr“ – nicht überzeugen könne, schlug der Referent vor, die hegelschen Formen als Typen zu sehen und entsprechend auszulegen.

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Natürliche Religion – Gott erscheint in der Natur

Der erste Typ von Religiosität sei von Sinnlichkeit dominiert, so dass der Mensch Gott als einem sinnlichen Ding begegne. Exemplarisch für die Natürliche Religion führte der Münchner Jesuit die indische und ägyptische Mythologie an, in denen die Gottheiten durch sinnliche Phänomene charakterisiert seien, wenn auch auf unterschiedliche Weise, nämlich als indische „Blumenreligion“ und als ägyptische „Tierreligion“. Die Darstellungen von Gottheiten im indischen Kulturraum würden mit ihrer Vorliebe für Lotusblumen die Unschuld und Selbstlosigkeit zum Ausdruck bringen. Demgegenüber gehe es bei den tierischen Darstellungen im alten Ägypten um eine kämpferische Fasson der Götter, die nationales Denken und kriegerische Auseinandersetzungen begründet hätten. Hegel habe nun einen Übergang von der schuldlosen Blumenreligion zu den zerstörerischen Tiergottheiten gesehen: „Aus Beschaulichkeit wird zerstörerischer Geist.“

Auch heute noch erscheine die Natürliche Religion, wie die zeitgenössische Aussage: „Ich finde Gott beim Sonnenuntergang in den Bergen“, zeige. Diese Begegnung mit Gott in Naturphänomenen oder im Naturgegebenen finde sich auch in der etablierten religiösen Praxis des Christentums, wenn etwa auf Votivtafeln zu lesen sei: „Gott hat geholfen.“ Der Münchner Philosoph stellte dann die Frage, was diese positiv konnotierten Erlebnisse des menschlichen Lebens von all den anderen Phänomenen unterscheide, in denen Gott offenbar nicht gut sei. Müsse dann nicht zwangsläufig gedacht werden, dass die Gottheit auch für die schrecklichen Erlebnisse verantwortlich sei? So müsse man mit Hegel festhalten, dass das Göttliche in der Konzeption der Natürlichen Religion „widersprüchliche Merkmale“ habe. Damit zeige sich, dass diese Form der Religiosität allein nicht ausreiche.

Kunst-Religion – Gott erscheint im Menschen

Hegel sah den Ausweg aus diesem Patt in der „Aufrüstung“ der Theorie und erschloss aus der griechischen Antike eine zweite Erscheinungsform von Religion, nämlich die menschlichen Schöpfungen der antiken Mythologie in Literatur und Kunst. In dieser Kunst-Religion sei das menschliche Subjekt zur bestimmenden Instanz über das Göttliche geworden, so dass Gott als Werk des Menschen erscheine. An der literarischen Mythologie machte der Referent deutlich, welche Schwierigkeiten in dieser Theorie wiederum stecken würden. Wie so oft in den Mythen werde in der Sage über Orest der Auftrag zum Handeln von göttlicher Seite erteilt. Orest werde vom Orakel von Delphi beauftragt, seine Mutter mit ihrem Geliebten zu töten, um den getöteten Vater zu rächen. Trotz des göttlichen Auftrags müsse dann aber allein der Mensch Orest für die Tat leiden, indem ihn die Erinnyen in den Wahnsinn treiben. Der Mensch handle zwar auf göttlichen Befehl hin, müsse aber dennoch die Folgen alleine tragen. In der religionsphilosophischen Reflexion stelle sich nun die Frage, wer denn eigentlich das handelnde Subjekt sei. Wenn der Mensch der Handelnde sei, dann bedürfe es keines Gottes mehr. Würden aber die Götter die Welt lenken, dann solle man nicht so tun, als ob der Mensch handle.

Diese Aporien der Kunst-Religion sind nach dem Referenten auch in unserer heutigen Religiosität gegeben. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Der Wert des Gottesdienstes hängt vom jeweiligen Organisten ab“, dann stelle sich die Frage, wer es denn nun letztendlich gewesen sei, der ihn erfüllt aus dem Gottesdienst habe gehen lassen: Gott oder der Organist? Wie dieses Beispiel zeigt, sind die Fragen nach dem Göttlichen als Menschenwerk und nach der Ursächlichkeit auch in unsere Zeit eingegangen. So bleibe die Problematik der Kunst-Religion auch heute bestehen, denn zum einen könne man das menschliche Handeln nicht überdeterminieren, und zum anderen laufe man Gefahr, dem Göttlichen die Handlungsfähigkeit abzusprechen und das Handeln Gottes in der Welt zu verneinen.

Offenbare Religion – Gott erscheint als Selbstbewusstsein

Der dritte hegelsche Typus der Offenbaren Religion sollte wiederum aus dem Dilemma führen, nämlich durch die Konzeption der Menschwerdung des Göttlichen, wofür nach Hegel allein das Christentum die historische Realisierung sei. Aufbauend auf der Definition des Selbstbewusstseins bei Hegel müsse die Gotteserscheinung dergestalt sein, dass sie Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringe und zugleich versichere, dass das Ausgedrückte auch selber Selbstbewusstsein habe. Da man nach Hegel Selbstbewusstsein jemand ansehen können muss und da dies nur beim Menschen der Fall sein kann, könne man bei einem Gott, der Mensch ist, schließen, dass dieser Gott Selbstbewusstsein habe und deshalb unmittelbar angetroffen werden könne. So habe die Offenbarungsreligion zum Wesen, dass man dort Gott das Selbstbewusstsein ansehen könne. Wenn Gott Geist sei, und Gott Mensch sei, und Gott deshalb Selbstbewusstsein habe, dann zeige sich in der Offenbaren Religion das Göttliche dem Menschen als ein geistiges Gegenüber. Nach Hegel können also weder Natur noch Kunst, sondern nur die menschliche Gestalt vermitteln, dass Gott dem Wesen nach Geist sei.

Dieser Typus von Religion zeige sich auch in heutiger Rede über Gott. Zunächst drücke sich das Beziehungsgeschehen zu Gott als Glauben aus, wobei ein solches Geschehen nach Hegel dadurch gefüllt werde, dass es sich um eine geistige Beziehung und damit um eine wechselseitige Anerkennung handle. Ein zweiter Aspekt bestehe in der Tatsache, dass Gott den Menschen anspreche und dass dies notwendig die gemeinsame geistige Ebene voraussetzte, in der der Mensch mit Gott „wesensgleich“, also geistig, sei. Dabei spreche Gott den Menschen als geistiges Subjekt an, das sich gerade in Freiheit zum Offenbarungswort verhalten könne. In diesem Sinne seien die Gebote und Heilszusagen der Bibel zu verstehen. In einem dritten Aspekt der Rede über das Verhältnis zu Gott komme die Sünde in den Blick, denn das Bewusstsein über die Sündhaftigkeit mache ja nur Sinn, wenn man sich einem geistigen Gegenüber zuwenden kann, das einen tatsächlich verzeihen oder strafen kann.

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In einem abschließenden Blick auf die drei hegelschen Erscheinungstypen von Religiosität sah Prof. Sans diese Typen als unterschiedliche Formen an, um sich Gott vorstellen zu können. Da die Fortschrittsinterpretation religionsphilosophisch allein nicht überzeugen könne, stehe mit Hegel das einzige Kriterium der wahren Religion im Raum, wonach sich Gott als geistiges Gegenüber zeigen müsse. Über dieses Kriterium hinausgehend, stellte Prof. Sans schließlich fest, dass letztlich alle drei Typen gegeben sein müssen, um von einer „wahren Religion“ sprechen zu können. Am Ende stellte sich Prof. Sans den Fragen der aufmerksamen Zuhörer.

Meldung vom 18.05.2017