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Bericht zum Gastvortrag von Dr. phil. Beate Beckmann-Zöllner


Wiedergeburt und Erlösung. Spiritualität des religiösen Erlebnisses bei Edith Stein (1891–1942).

Für den Gastvortrag der Stiftungsprofessur Theologie des geistlichen Lebens am 15. November 2018 konnte Prof. Dr. Wolfgang Vogl an der Universität Augsburg Frau Dr. phil. Beate Beckmann-Zöllner gewinnen. Die gebürtige Hildesheimerin ist freiberufliche Religionsphilosophin, Autorin, sowie Dozentin an der Katholischen Stiftungshochschule München. Neben ihrer Tätigkeit als Referentin in der Erwachsenenbildung ist sie zudem Vizepräsidentin der Edith Stein Gesellschaft Deutschland und Herausgeberin von sieben Bänden der Edith-Stein-Gesamtausgabe.

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Ihren Vortrag über „Wiedergeburt und Erlösung. Spiritualität des religiösen Erlebnisses bei Edith Stein“ eröffnete Frau Beckmann-Zöllner mit einem kurzen Blick auf die Vita der aus dem Judentum stammenden Philosophin, späteren Karmelitin und von der Kirche heiliggesprochenen Märtyrin. Es wurde deutlich, wie Edith Stein über die phänomenologische Philosophie und durch christliche Glaubenszeugen zum katholischen Glauben fand. Dabei habe die von Dionysius Areopagita und Thomas von Aquin faszinierte Philosophin bei ihrer phänomenologischen Beschäftigung mit dem religiösen Erlebnis auch den suchenden Menschen und nicht nur die „scientific community“ vor Augen gehabt.

Im Blick auf das Erleben religiöser Phänomene sei es Edith Stein um ein „Einfühlen“ als notwendigem Zugang zum Seelenleben gegangen. Das Bedeutungsvolle, das die Seele im Alltag zu ergreifen vermag, werde im „Ichleben“ als eine Dauereinheit in intensiver Weise wahrgenommen. In diesem Prozess komme es zu einer Öffnung für das religiöse Erleben, wodurch die Welt immer mehr auf Gott hin durchsichtig werde. Was sich in diesem Erleben zeige, müsse liebend betrachtet werden, wie auch der niederländische Religionsphänomenologe Gerardus van der Leeuw (1890–1950) gesagt habe: „Denn wer nicht liebt, dem zeigt sich nichts.“

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Mit dem Terminus der „Wiedergeburt im Heiligen Geist“, der auch im Neuen Testament ein Schlüsselbegriff sei (Tit 3,5; Joh 3,1–8), benannte Frau Beckmann-Zöller den für Edith Stein entscheidenden Schritt. Diese Wiedergeburt beginne beim ungetauften Erwachsenen mit den vorbereitenden Stadien der ersten Anregungen der Gnade, mit denen man sich den göttlichen Dingen und den Fragen des eigenen Heiles zuwende. Im eigentlichen Sinn ereigne sich diese Wiedergeburt aber auch erst, wenn der Mensch durch die Taufe zu einer „neuen Schöpfung“ (2 Kor 5,17) geworden sei. Dabei bleibe der Mensch gegenüber Gott ganz frei, der von seinem Geschöpf nur „Öffnung“ und „Wider-Hingabe“ erwarte. In diesem anhebenden „neuen Leben“ sei auch mit Hindernissen zu rechnen, da der Mensch in seiner Freiheit je neu zur aktiven Mitgestaltung bei seiner „Wieder-Geburt“ herausgefordert sei. Die Wiedergeburt im Heiligen Geist, die Edith Stein auch mit den biblischen Bildern der Vermählung und der heiligen Hochzeit beschrieben habe, sei eine Lebensverwandlung des Menschen, die als Liebesvereinigung mit Gott die individuelle Identität des Menschen gerade nicht aufhebe, sondern vielmehr vollende. Eine solche Vereinigung zwischen Gott und Mensch sei „etwas Geistiges“, ein „Ineinandersein, wie es nur für Geistwesen möglich ist; und es gehört dazu, dass zwei Personen sich einander schenken und dieses Geschenk wechselseitig annehmen. Das Schenken und das Annehmen sind freie, geistige Akte. Damit der Mensch sich Gott schenken könne, muss er ein freies, geistiges Wesen sein. Geistigkeit und Freiheitsind für die Gotteskindschaft vorausgesetzt. Sie gehören zur Natur des Menschen. So verstehen wir es, dass die Gnade die Natur voraussetzt, und auch, dass die Gotteskindschaft nicht ohne Mitwirken der menschlichen Freiheit erlangt werden kann. Aber ebenso einleuchtend ist es, dass der menschliche Akt nicht ausreicht: Gott muss sich dem Menschen schenken. Das bedeutet die Annahme an Kindesstatt“ (ESGA 15, 30).

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In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sehr das von Edith Stein phänomenologisch beschriebene Widergeborenworden im Heiligen Geist von ihrem eigenen Erfahrungs- und Glaubensweg geprägt gewesen war, was ihre Formulierungen und Wortschöpfungen in unvergleichlicher Weise qualifiziert. Die durch Edith Stein so differenziert und luzide beschriebenen Phänomen des religiösen Erlebens inspirieren auch die Spirituelle Theologie, deren genuines Materialobjekt gerade in der geistlichen Erfahrung besteht.

Meldung vom 27.11.2018